Die Schlinge wurde immer enger


   
   

 

       

Historische Kriminalfälle

Ein Rad’l und ein Mad’l...

... gibt man nicht her! Sie war reich, wies aber auch keinem Bettler die Tür. Leichtsinnigkeit unterstützte sie hingegen nicht, das wollte ein Bittsteller nicht akzeptieren.

Marie Stoll war die Tochter eines Eisenbahners und hatte im Gegensatz zu vielen ihrer Altersgenossen keine Armut kennenlernen müssen. 1933 war sie nun 22 Jahre alt und konnte sich schon auf einen ansehnlichen finanziellen Rückhalt stützen. Sie hatte die Schneiderei gelernt und war über eine Verwandte auf den Hof des Königs von Albanien gekommen, wo sie durch zwei Jahre hindurch nicht nur die Welt bereisen, sondern vor allem bedeutende Ersparnisse ansammeln konnte. König Zoglu von Albanien verbanden teils schöne aber auch sehr schmerzliche Erinnerungen mit Wien. 1931 war er hier zur Kur. In seiner Begleitung waren Angehörige des albanischen Hofes und Sicherheitsleute, darunter auch Major Alexander Topollay, der nicht nur der persönliche Adjutant des Herrschers war, sondern aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Monarchen häufig als sein Doppelgänger zwecks Sondierung des Terrains vorgeschickt wurde. Am 20. Februar 1931 wohnte der König einer Vorstellung in der Staatsoper bei. Als er danach seinen Wagen besteigen wollte, eröffneten Attentäter das Feuer. Major Topollay warf sich vor seine Majestät. Der König blieb unverletzt, sein Adjutant verstarb.
Doch wieder zurück zu Marie Stoll, die eine nette Wohnung am Uhlplatz Nr. 5 im 8. Bezirk bewohnte. Von ihren Ersparnissen hatte sie aus diesem Zuhause ein wahres Schmuckkästchen gemacht. Bei allem Luxus, den sie sich leisten konnte, vergaß sie nie auf die Armen. Niemand, der an ihre Tür klopfte und nach einem Almosen fragte, wurde weggeschickt. Ihr Glück ergänzte der 24-jährige Franz Dania, mit dem sie verlobt war und im Sommer 1933 war die Hochzeit geplant. Die beiden waren ein glückliches Paar und verbrachten jede freie Minute miteinander. Ihr Verlobter war Anstreichergehilfe und arbeitete im Betrieb seines Vaters.

Der Verlobte findet seine Braut tot auf

Am Samstag, dem 28. April 1933, musste der junge Mann vormittags arbeiten und kam gegen 2 Uhr auf den Uhlplatz, um seine Braut zu besuchen. Als er in den zweiten Stock kam und anklopfen wollte, fiel ihm auf, dass die Tür unversperrt war. Unheimlich war ihm auch die Stille. Als er von der Küche ins Zimmer trat, prallte er entsetzt zurück. Marie Stoll lag regungslos am Boden, um ihren Hals war ein Gürtel geschlungen. Seine Verlobte war tot.
Auffallend war die Ordnung am Tatort. Offensichtlich hatte der Täter nicht lange nach Wertgegenständen und Schmuck suchen müssen. Er hatte sie auf Anhieb gefunden. Es gab auch keine Spuren, die auf einen Kampf hingedeutet hätten. Der Täter musste sein Opfer mit großer Gewalt gewürgt und ihr danach den Gürtel um den Hals geschlungen haben. Zuletzt hatte er ihr noch ein Stofftaschentuch in den Mund gestopft.
Der erste Verdacht fiel auf die Gruppe der Bettler, denen Marie Stoll nie eine Spende verwehrt hatte. Doch die Zahl derer, die da in Verdacht kämen, war nahezu unendlich. Zur Theorie des Bettlers als Täter passte nur nicht der Umstand, dass er Geld und Wertsachen auf Anhieb finden konnte.
Der unglückliche Franz Dania wurde befragt, ob seine Verlobte auch noch andere Bekannte hatte, die als Täter in Betracht kommen könnten. Dania wies dies entschieden zurück, der Bekanntenkreis seiner Braut wäre nicht gewalttätig. Lediglich der gleichaltrige Josef Riso war anders, als alle anderen, der neigte schon eher dazu, sich nicht zu beherrschen. Doch als Mörder könnte auch er nicht in Frage kommen.
Die Polizei nahm sich trotzdem dieses Burschen an und erfuhr, dass er die schöne Schneiderin verdächtig oft besucht hatte. Er lebte bei seiner Mutter und nun bekam er Besuch von Kriminalbeamten. Befragt, warum er auffällig häufig in der Wohnung der Stoll gewesen war, sagte er, dass er gehofft hätte, dort auf Josef Dania zu treffen, weil er Anstreicherarbeiten in seiner Wohnung vornehmen lassen wollte. Riso wohnte in der Heiligenstädterstraße 150 und die Werkstätte des Dania war im Karl-Marx-Hof. Also, warum hätte er da den weiten Weg in den achten Bezirk auf sich nehmen sollen, wenn er Dania doch in unmittelbarer Nähe hatte? Riso gab ausweichende Antworten, blieb aber bei seiner Behauptung.
Die weiteren Erhebungen belasteten Riso schwer. Er war allerorts als leichtsinniger Bursche bekannt, der all’ sein Geld bei Wetten verlor. Als bekannt wurde, dass er seiner Mutter Geld gestohlen hatte und sie ihm eine Frist zur Bezahlung bis Freitag gesetzt, sonst mit der Anzeige gedroht hatte und Riso Freitag abends tatsächlich mit 120 Schilling erschienen war, schien sich die Schlinge für den jungen Mann immer enger zusammenzuziehen. Immerhin korrespondierte dies auffällig mit dem Tatzeitpunkt. Riso leugnete weiterhin jeden Zusammenhang mit der Tat.
Während die Einvernahme ins Stocken zu geraten schien, forschten Kriminalbeamte einen Freund des Verdächtigen aus, den 21-jährigen Anton Preisegger. Er gab zu Protokoll, zum vermutlichen Tatzeitpunkt mit Riso beisammen gewesen zu sein. Am Uhlplatz hatte er vor dem Hause Nr. 5 warten müssen, während sein Freund drinnen irgendetwas zu erledigen hatte. Plötzlich war Riso verschwitzt und gehetzt aus dem Haus gekommen und hatte Preisegger zugerufen, er solle schnell mitkommen und wenn ihn jemand nach den Kratzern im Gesicht gefragt hätte, hätte er sagen sollen, die wären von ihm. Riso hatte seinem Freund 45 Schilling gegeben und sie waren in ein Gasthaus gegangen.

Riso will mit dem Mord nichts zu tun haben

Mit den neuen Erkenntnissen konfrontiert und nach Begutachtung der Kratzspuren im Gesicht des Riso erhoffte man eine sich Wende. Doch er gab nicht auf, durch immer wirrer werdende Geschichten versuchte er sich herauszureden. Dann sah er die Sinnlosigkeit seines Leugnens ein und gab zu, dass er bei Marie Stoll gewesen war. Ermordet hätte er sie aber nicht. Sie hätte ihm 80 Schilling zu seiner Sanierung versprochen, dann aber das Geld zurückbehalten, weshalb er den Plan gefasst hätte, sie zu berauben – mehr aber nicht. Die Beamten machten ihm klar, dass seine Rechtfertigung unglaubwürdig war und er endlich die Wahrheit sprechen sollte. Riso behauptete dann, er hätte das Mädchen zwingen wollen, ihm das Geld zu geben. Dazu hätte er sie am Hals gepackt und gebeutelt – mehr aber nicht.
Noch immer war seine Aussage unglaubwürdig, man fühlte sich aber der Wahrheit näher gekommen und war sich sicher, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis er sich endlich einen inneren Stoß geben und zu leugnen aufhören werde.
Endlich gestand er, einen Raubmord geplant und ausgeführt zu haben, um die Schulden bei seiner Mutter zurückzahlen zu können. Da das Mädchen seiner Bitte, ihm 120 Schilling zu borgen, nicht nachgekommen war, hatte er in einer schlaflosen Nacht die Idee, die Frau zu ermorden und zu berauben. Allerdings hätte ihm der Mut gefehlt, die Tat alleine auszuführen und so hätte er versucht, seinen Freund Anton Preisegger zu gewinnen. Preisegger hätte zugestimmt, wäre aber nicht in den Plan eines Mordes eingeweiht worden. Die Frage, wie viel Preisegger gewusst hätte, überging der Verdächtige. Er fuhr fort, dass er am Tag der Tat dreimal in der Wohnung der Stoll gewesen wäre, beim ersten Mal mit Preisegger, der aber plötzlich erklärt hätte, nicht mehr mitmachen zu wollen und gegangen wäre. Riso, alleine in der Wohnung, hätte sich nun auch nicht mehr zur Tatausführung getraut und die Schneiderin verlassen. Riso und Preisegger hätten beobachtet, als Dania zum Kurs in die Gewerbeschule gegangen wäre und beide wären wieder zu Marie Stoll gegangen, wo nun Störungen von Seiten des Verlobten ausgeschlossen werden konnten. Preisegger wäre auf der Straße geblieben, während Riso zu Stoll hinaufgegangen, bald aber wieder zurückgekommen wäre. Kurz danach ging er erneut hinauf in die Wohnung und Preisegger hätte vor dem Haus gewartet.
Nachdem Marie Stoll das Begehren um 120 Schilling erneut abgelehnt hätte, hätte Riso das Radio laut aufgedreht und mit beiden Händen gegen den Hals des Opfers gegriffen. Ein furchtbarer Kampf hätte begonnen. Stoll hätte sich mit Händen und Füßen gewehrt und dabei mit ihren Fingernägeln die Wangen des Mörders zerkratzt. Dann war sie kraftlos zurückgefallen. Als sie aber noch atmete, hätte ihr Riso zwei Taschentücher in den Mund gestopft und einen Gürtel um den Hals gebunden. Da er die Verstecke von Sparkassenbüchern, Schmuck und Geld kannte, hätte er nicht danach suchen müssen. Sofort nach der Tat wäre er auf die Straße zu seinem Freund gegangen, mit dem er die Wertgegenstände in einer Versatzanstalt zu Bargeld gemacht hätte. Abends hätte Riso mit seiner Freundin ein Kino besucht, wo er eine Mordszene gesehen hätte, die in erschreckender Weise seiner grauenvollen Tat geglichen hätte.
Die Einvernahme Preiseggers bestätigte im Großen und Ganzen die Angaben des Haupttäters, zeigte allerdings, dass Preisegger doch nicht so unwissend war, wie Riso es Glauben machen wollte.
Riso hatte Preisegger von seinen finanziellen Problemen nach dem Diebstahl an seiner Mutter erzählt und von der Dringlichkeit der Rückzahlung, um einer Anzeige zu entgehen. Eines Tages hätte ihm Riso den Vorschlag gemacht, Stoll zu ermorden. Preisegger wäre einverstanden gewesen und erst im Stiegenhaus hätte er Angst bekommen und wäre zurückgegangen. Auch Riso wäre vom ursprünglichen Plan abgegangen und hätte einen neuen Vorschlag gemacht: Man wollte einen Zirkusbesuch arrangieren: die beiden Übeltäter, die Braut Risos, Stoll und deren Verlobter. Während der Vorstellung hätte Riso dem Opfer unbemerkt den Wohnungsschlüssel stehlen wollen, mit dem Preisegger schnell auf den Uhlplatz fahren sollte, um den Diebstahl auszuführen. Danach wäre er wieder zurückgekehrt und Riso hätte Marie Stoll den Wohnungsschlüssel wieder zurückgegeben.

Riso fühlte sich unter Druck gesetzt

Doch die Mutter Risos hatte den Diebstahl zu früh entdeckt und eine Frist gesetzt, die bei Ausführung des "Zirkusplanes" nicht mehr einzuhalten gewesen wäre, daher wäre nur noch die Ausführung des Mordes übriggeblieben. Preisegger hätte auf der Straße gewartet, während sein Freund das blutige Werk vollzogen hätte. Danach wäre er verschwitzt aus dem Haus gekommen und hätte erst jetzt das Grausame seiner Tat erfasst. Den bei der Tat getragenen Anzug wollte er unbedingt reinigen lassen, obwohl keine Spuren daran zu sehen waren, doch Riso hätte jede Erinnerung an die Tat löschen wollen.
Riso selbst blieb bei seiner Rechtfertigung, versuchte aber das Opfer zu verleumden. Er behauptete, dass Stoll ein leichtfertiges Mädchen gewesen wäre, das sich gerne von ihm hätte ausführen lassen, während ihr Bräutigam davon nichts wissen durfte. In den weiteren Einvernahmen gab er dann aber zu, dass diese Behauptungen erlogen waren.
Am 24. August 1933 begann der für zwei Tage anberaumte Prozess gegen Josef Riso und seinen Freund Anton Preisegger, unter dem Vorsitz von OLGR Dr. Fuchsig. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Neuwirth. Die Anklageschrift schilderte die Verkommenheit der beiden Angeklagten, die wiederholt die eigenen Verwandten bestohlen hatten und als sie dort nicht mehr genug holen konnten, beabsichtigt hatten, einen Gaskassier zu überfallen. Dazu hatten sie das Motorrad von Dania borgen wollen, der aber nicht zugestimmt hatte. So waren sie auf den Plan verfallen, den Onkel Preiseggers, einen wohlhabenden Kaufmann, zu überfallen und umzubringen. Dieser Plan war ebenso fallen gelassen worden, wie das Vorhaben, Marie Stoll während eines Zirkusbesuches den Wohnungsschlüssel unbemerkt zu entwenden und die Wohnung auszurauben, weil Preisegger seine Freundin nicht mithineinziehen hätte wollen. So war der gemeinsame Plan entstanden, Marie Stoll zu ermorden und zu berauben.
Besondere Aufmerksamkeit wurde der Geschworenenbank zuteil, weil auch zwei Frauen als Laienrichter mitzuentscheiden hatten und das war zu jener Zeit etwas Außergewöhnliches. Josef Riso wurde als Erster vernommen und bekannte sich im Sinne der Anklage schuldig. Er schilderte, immer von seiner Mutter finanziell unterstützt worden zu sein und niemals Not gelitten zu haben. Doch er hatte mehr wollen, wie zum Beispiel eine eigene Wohnung, dazu war aber nicht genug Geld vorhanden. Daraus entstanden die kriminellen Pläne zur Geldbeschaffung. Zuerst hätte er mit seinem Freund Preisegger Betrügereien geplant. Sie hätten Anzeigen aufgeben und darin Arbeit versprechen wollen. Die Vermittlerprovision hätten sie kassiert, dann aber nichts mehr von sich hören lassen. Aus nicht mehr eindeutig zu klärenden Gründen war es nicht zur Ausführung gekommen und die jungen Burschen hätten Raubüberfallspläne geschmiedet, die einen Mord miteinbezogen hätten. Von Anfang an hätten er und Preisegger den Tod des Opfers nicht nur in Kauf genommen, sondern, weil Stoll beide gekannt hatte, einen Mord als unbedingt erforderlich gehalten. In der weiteren Schilderung der Tat blieb er bei seinen bisher bereits gemachten Einzelheiten.
Der Zweitangeklagte Anton Preisegger bekannte sich nur der Teilnahme am Raub schuldig, von einem Mord wollte er nichts gewusst haben. Er hätte sogar auch Riso ursprünglich von der Absicht abbringen wollen, einen Raub zu begehen, erst nach langem Drängen hätte er zugestimmt – und nur, weil er selbst in ärgsten Geldnöten gewesen wäre. Auch Marie Stoll hätte nur beraubt werden sollen, von einem Mord wollte er nichts gewusst haben.

Ein Rad'l und ein Mad’l gibt man net her

Das Zeugenverhör des Bräutigams der Marie Stoll brachte keine neuen Erkenntnisse. Dania konnte sich erinnern, dass Riso einmal sein Motorrad ausleihen wollte, er aber nicht zugestimmt hatte: "Weil Riso ja gar keinen Führerschein hatte und ich deshalb hätte bestraft werden können und überhaupt: Ein Rad’l und ein Mad’l gibt man net her!"
Der Gerichtshof legte den Geschworenen jeweils nur eine Hauptfrage vor, beim Angeklagten Riso lautete sie auf Raubmord und bei Preisegger auf entfernte Mitschuld am Raubmord. Die Geschworenen benötigten eine Stunde und veröffentlichten ihr Verdikt: Beide Fragen wurden einstimmig bejaht. Der Staatsanwalt schloss sich dieser Entscheidung mit dem Antrag an, die strengste Strafe zu verhängen. Die Rechtsanwälte ersuchten um weitgehendste Milde.
Josef Riso wurde zu zehn Jahren und Anton Preisegger zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt.
Bearbeitet von Erich Müllner