Tatortarbeit

Den Tätern auf der Spur

Die TV-Serie „CSI Miami“ hat das Bild der Öffentlichkeit über die Tatortarbeit in ein modernes Licht gerückt.

Du kommst in eine Wohnung, im Vorzimmer liegt am Boden ein Mann, tot, die Wohnung ist über eine Sicherheitstür zugänglich“, schildert Friedrich Unger, Leiter der Tatortgruppe 2 in der Wiener Kriminaldirektion 3. „Der Mann hat schwere Verletzungen von einem stumpfen Gegenstand, Schuss- und Stichverletzungen, ist blutüberströmt, im Gesicht weist er Verätzungen auf.“
Unger und sein Stellvertreter Kurt Herwey besichtigen die Wohnung. „Diese erste Besichtigung des Tatortes ist wichtig, weil sie uns einen Überblick über das Geschehen vermittelt, das zu dem vorherrschenden Spurenbild geführt hat“, erklärt der Kriminalist Unger. Bei diesem ersten Rundgang lässt er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. „Ich lasse den Tatort auf mich wirken, versuche meine Antennen aufmerksam aufzustellen und möglichst alles in mich aufzunehmen.“

Trampelpfad

Unger und Herwey haben über ihre Schuhe Plastiküberzüge gestülpt und sind in ihre weißen Tatortoveralls geschlüpft. „Wir suchen uns hier wie überall einen Trampelpfad, der offensichtlich die wenigsten Spuren enthält und wo die Gefahr am geringsten ist, dass wir Spuren vernichten“, erläutert Kurt Herwey.
Herwey und Unger denken „in Spuren“. Viele Vorgesetzte und manche Kollegen tun das nicht. Sie würden den gesamten Tatort zu einem „Trampelpfad“ machen. „Ich werde in dieser Beziehung immer rigoroser“, betont Unger. „Wer am Tatort nichts zu arbeiten hat, hat ihn zu verlassen.“
Unger ist sich bewusst, vieles kann passieren, solange es noch nicht auf der Hand liegt, dass ein Tatort ein Tatort ist. „Mir ist schon klar, dass es hier einen Notarzteinsatz gegeben haben kann, bei dem keiner auch nur annähernd daran gedacht hat, dass er Spuren zunichte macht, sondern in dem das Überleben des Opfers im Vordergrund gestanden ist“, sagt Unger. „Das ist zwar schmerzlich für mich, aber ich verstehe es.“ Weniger Verständnis hat Unger dann dafür, wenn Kolleginnen oder Kollegen verschweigen, wenn sie durch den Tatort gestapft sind, ohne darauf zu achten, ob sie Spuren zerstören oder selbst welche setzen.
Sobald das Team Unger an einen Tatort kommt, nehmen die Beamten auf, wer bis zu ihrem Eintreffen zum Ort des Geschehens Zutritt hatte. „Ab diesem Zeitpunkt ist der Tatort für jedermann abgesperrt“, betont Unger. „Und mit jedermann meinen wir jedermann.“ Unger hält fest, wer die Ersteinschreiter waren und wer für den Tatort bis zum Eintreffen der Tatortbeamten verantwortlich war.

Was sagt der Hausverstand?

„Die Hauptaufgabe eines Tatortbeamten liegt im Dokumentieren, Sichtbarmachen und Sichern von Spuren“, betont Wolfgang Haupt, Leiter der Kriminaldirektion 3. Kriminalistisches Denken und das Einsetzen des Hausverstands seien die Grundlagen, für die Tatortarbeit. Auch Kreativität sei unumgänglich. „Es gibt kein Schema F, nach dem jeder oder nahezu jeder Tatort abgearbeitet werden könnte“, sagt Haupt. „Jeder Tatort ist einzigartig.“
„Wir verzichten aus diesem Grund auf Formulare“, sagt Friedrich Unger. „Formulare verleiten zu eingeengtem Denken.“
Vorgefasste Meinungen seien am Tatort nicht gefragt. „Wir sind zum Beispiel einmal zu einem angeblichen Sandlermord gerufen worden“, erzählt Wolfgang Haupt. „Das Opfer hat die Kehle durchgeschnitten gehabt, der Auffindungsort der Leiche war vollkommen blutbedeckt. Am Ende stellte es sich heraus, es kann sich nur um Selbstmord handeln.“ Man müsse als Tatortbeamter eben alle Denkrichtungen zulassen, betont Haupt.

Eine falsche Spur gelegt?

Unger und Herwey gelangen in das Wohnzimmer. Aus einem Kästchen ist der Inhalt ausgeräumt. Doch rundherum scheint jemand aufgewischt zu haben. „Scheinbar hat hier jemand das Kästchen durchwühlt“, denkt Unger laut nach. „Er hat alles in wildem Durcheinander rausgeräumt – und dann hat jemand um das Ausgeräumte herumgewischt. Hätte jemand vor dem Ausräumen gewischt, sähe das hier anders aus.“
„Der Einbruch könnte vorgetäuscht sein“, spricht Kurt Herwey aus, was Unger denkt. Die Beamten nehmen diesen seltsamen Umstand zur Kenntnis, beschließen aber, unvoreingenommen an den Tatort heranzugehen.
„Zu einem solchen Tatort fahren wir prinzipiell zu viert“, erläutert Friedrich Unger. „Wir gehen arbeitsteilig vor, es gibt aber keine ausschließlichen Spezialisten. Jeder von uns muss alles können.“ Damit ist vor allem gemeint, DNA-Spuren zu sichern, Fingerabdruckspuren von allen möglichen Spurenträgern zu erhalten, Werkzeugspuren festzuhalten, die Tatortfotografie zu erledigen und die Dokumentation zu übernehmen.
Die Hände des Opfers werden mit Papiersäckchen umschlossen. „Es geht darum, eventuelle Abwehrverletzungen festzustellen“, erklärt Kurt Herwey. Dem Kriminalisten fällt auf, dass die Hose zwar Blutflecken aufweist, sich aber keine Blutlache um die Leiche herum abzeichnet. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Auffindungsort der Leiche nicht identisch ist mit dem Tatort. Im vorliegenden Fall wird sich das Indiz als nicht aussagekräftig herausstellen. Nach der Besichtigung durch den Gerichtsmediziner wird der Ermordete in einen Bergesack gelegt und abtransportiert.
Bereits im Gang des Hauses, außerhalb der Tatortwohnung, haben die Kriminalisten Blutstropfen geortet. Für sie ist es naheliegend, dass die Blutspuren mit der Tat zusammenhängen. Später wird sich herausstellen, dass dem nicht so ist. Ein Hausbewohner hat sich an einer Mülltonne verletzt und ist mit blutendem Finger in seine Wohnung gegangen.

Erste Lagebesprechung

Nach dem Erstdurchgang durch die Tatortwohnung tauscht sich Unger mit den ermittelnden Kollegen aus. Er berichtet ihnen von seiner Entdeckung im Wohnzimmer. Die Kriminalisten nehmen es zur Kenntnis.
Aufgefunden wurde die Leiche des Mannes von dessen Ehefrau. Sie gibt an, die Tür sei nur ins Schloss gefallen gewesen und nicht versperrt.
Unger und seine drei Kollegen müssen nicht mehr viel untereinander besprechen. Die Arbeitsteilung ergibt sich fast von allein. Scheibchenweise wird der Tatort abgearbeitet.
„Grundsätzlich sichern wir die Spuren in Wohnungen immer im Uhrzeigersinn“, erklärt Friedrich Unger. „Auf diese Weise kannst du nichts vergessen.“
Im Freien gehen die Beamten nach unterschiedlichen Methoden vor, je nach Geschehen wird der Tatort in einzelne Sektoren unterteilt, oder wenn erforderlich spiralförmig abgesucht. Die „Überlegungsmethode“, bei der so vorgegangen wird, wie vermutlich der Täter vorgegangen ist, wird dabei nicht außer Acht gelassen.

Suche nach Spuren

Die Kriminalisten nehmen Träger wahr, denen DNA-Spuren anhaften könnten, trachten nach Fingerabdruckspuren. „Fingerabdrücke sind oft sichtbar oder können mit Adhäsionsmittel relativ rasch sichtbar gemacht werden“, erläutert Kurt Herwey. „Bei DNA-Spuren ist das anders. Da kann man nur vermuten, auf Grund der Art des Gegenstands, seiner üblichen Verwendung oder Ähnlichem, könnte ein möglicher Täter hier DNA-Spuren hinterlassen haben.“ Erfahrung sei ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Tatortkriminalbeamte. „Nicht alles in diesem Bereich ist erlernbar.“
Die Kriminalisten suchen nach Schleifspuren, nach Haaren, Faseranhaftungen, Blut- und Speichelspuren, Zeichen eines Kampfes, mechanische Spuren an Einrichtungsgegenständen oder an den Wänden. Sie sehen in der Toilettenmuschel nach, ob jemand versucht hat, etwas runterzuspülen, öffnen den Spülkasten. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Immer wieder gibt es zwischendurch Kontakt zu den Ermittlern. Nach der Kommissionierung wird die Leiche abtransportiert. Morgen wird ein Kriminalbeamter, möglicherweise ein zweiter, an der Obduktion der Leiche teilnehmen. Das wird zwei bis drei Stunden dauern. Die Kriminalisten werden die Dokumentation der Autopsie vornehmen. Das erspart allen beteiligten Zeit – den Gerichtsmedizinern, den Tatortbeamten und letztlich kommt es den Ermittlern zugute. Der Gerichtsmediziner war bereits am Tatort anwesend und hat sich ein Bild vom Auffindungsort und dem Zustand des Toten gemacht.
Vorläufig gibt unter anderem die Verätzung im Gesicht zu denken. Offensichtlich ist sie durch Danchlor verursacht worden. „Warum macht ein Einbrecher oder ein Wohnungsräuber so etwas?“, fragen sich die Kriminalbeamten.
Während die Tatortbeamten jeden Quadratzentimeter der Wohnung nach Spuren absuchen, befragen Ermittler die Ehefrau des Ermordeten und deren Sohn, den Stiefsohn des Opfers. Sie wollen von der Frau wissen, warum sich Wischspuren um das ausgeräumte Kästchen herum befinden.
„Ab dem Zeitpunkt, ab dem wir die Verantwortung über einen Tatort übernehmen, gibt es eine Bring- und eine Holschuld zwischen uns und den ermittelnden Beamten“, sagt Friedrich Unger. Sobald die Tatortkriminalisten etwas Wesentliches entdecken, geben sie die Information an die Ermittler weiter und umgekehrt.

Die Frau verstrickt sich im Verhör in Widersprüche

Wenige Stunden nach dem Auffinden der Leiche gesteht sie: „Ich und mein Sohn haben meinen Mann getötet.“
Die Tat war von langer Hand geplant. Der Sohn der Frau hatte am Tat-Nachmittag in Abwesenheit des Opfers die Wohnung durchwühlt – ein Einbruch sollte vorgetäuscht werden. Das Opfer sollte scheinbar einen Einbrecher auf frischer Tat überrascht haben.
Der Mann war früher nach Hause gekommen als geplant. Der Bursch nahm seine Pistole und schoss auf das Opfer im Vorzimmer. Der erste Schuss verfehlte sein Ziel. Der Mann kam auf den Burschen zu. Dieser drückte ein zweites Mal ab. Der Schuss traf den Mann in ein Bein. Er brach zusammen, schleppte sich aber vorwärts in Richtung des Täters. Dieser nahm einen Baseballschläger zur Hand und drosch auf das Opfer ein.
Dem schwer angeschlagenen Mann gelang es, seinem Mörder den Baseballschläge zu entreißen. In diesem Moment sah er seine Ehefrau aus dem Wohnzimmer kommen. Er flehte sie um Hilfe an – und übergab ihr den Baseballschläger, damit sie den Burschen in die Flucht schlagen könne. Doch die Frau prügelte auf das Opfer ein. Am Ende würgten die Frau und der Bursch noch das Opfer, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Im Anschluss gossen sie ihm das Danchlor ins Gesicht.
Tatsächlich waren Blutspuren ins Wohnzimmer gelangt, wo gar kein Kampf stattgefunden haben durfte. Die Frau wischte das Blut um das ausgeräumte Kästchen herum weg.
„Weggewischtes Blut sollte für uns kein Problem darstellen“, sagt Kurt Herwey. Die Kriminalisten haben dafür chemische Substanzen zur Verfügung, mit denen sie feinste Blutreste sichtbar machen können – selbst auf glatten Oberflächen wie Fliesen oder Steinböden und erst recht Parkettböden und Teppiche.
Den Kriminalisten steht für diese Methode ein Vortest zur Verfügung, der „Hexagon-Opti-Test“. Damit sprühen sie Flächen ein, an denen sie Blutreste vermuten. Mit „Luminol“ in Sprayform sind sie in der Lage, großflächig Blutspuren zu suchen. Nach dem Versprühen der Substanz wird der Raum völlig abgedunkelt. „Dabei müssen auch Fenster abgeklebt werden“, erklärt Kurt Herwey. Es dürfe absolut kein Lichtstrahl durchschimmern. Mit einer UV-Lampe machen sich dann die Tatortbeamten auf die Suche nach Blutspuren.
Bis vor etwa zwei Jahren musste eine chemische Substanz eingesetzt werden, die die Blutreste zerstörte, während sie sie sichtbar machte. Heute können Blutsreste zur DNA-Bestimmung verwendet werden, auch nachdem sie mit „Luminol“ sichtbar gemacht worden sind.

Asservierung

„Manche Spuren müssen notasserviert werden“, erklärt Friedrich Unger. Etwa wenn es taut, oder der Wind droht, eine Spur oder einen Spurenträger zu verwehen. Unter „Asservierung“ verstehen die Tatortspezialisten das Sichern und Verwahren eines Spurenträgers. Auch Spurenträger, die eine Gefahr für die Tatortarbeiter darstellen könnten, werden notasserviert.
Manche Spurenträger werden in Plastiksäckchen verwahrt, andere in Phiolen oder Papier. Haare zum Beispiel sollten nicht in eine Folie oder eine Glas-Phiole gegeben werden. In den Kunststoffbehältern würden die Haare einen unnatürlichen Drall bekommen.
Bei der Spurensicherung werden stets erst heikle Spuren gesichert, wie DNA-Träger. „Sie könnten am leichtesten zerstört oder durch DNA eines anderen kontaminiert werden“, erklärt Unger.
Blut wird in sterilem Wasser mit Wattetupfern gesichert und in einer „Asservatenbox“ verwahrt. Ein Aufkleber „Vorsicht DNA-Spur“ weist auf die heikle Fracht hin. Wenn DNA luftdicht verpackt wird und das Trägermaterial noch feucht ist – etwa Blut – dann könnte es binnen weniger Stunden zu Fäulnis kommen und die Spur zerstören.
Während der Tatortarbeit wechseln die Kriminalisten mehrmals ihre Wegwerfhandschuhe. „Wir vermeiden dadurch, dass eine Spur auf eine andere übertragen wird“, erläutert Friedrich Unger. Jeder Schritt, den die Beamten setzen, wird mit Ort und Uhrzeit dokumentiert und in den Tatortbericht aufgenommen. Für die Beweislage vor Gericht genügt es nicht festzuhalten, wie es am Tatort zum Zeitpunkt des Auffindens einer Leiche ausgesehen hat – „von diesem Zeitpunkt weg muss jeder Zustand des Tatorts festgehalten werden“, sagt Unger. Tatortarbeit sei Millimeterarbeit. Die Spurenträger werden in Plastiksäckchen verpackt und mit einem Etikett versehen, auf dem Zeitpunkt der Auffindung und Fundort sowie Auffinder angeführt sind.
Auch Fingerabdruckspuren sind nicht immer mit freiem Auge sichtbar. „Bei schweren Straftaten wie Mord nehmen wir fast grundsätzlich alles mit, was wir mitnehmen können“, erklärt Kurt Herwey. In der Dienststelle sei es fast immer einfacher und sicherer, Spuren von einem Spurenträger zu bekommen. Bei ortsfesten Spuren, wie Handflächenabdrücke auf einem Türstock oder einer Küchenarbeitsfläche sind die Tatortspezialisten gezwungen, die Spuren an Ort und Stelle zu verwerten.

Spezialbehandlung im Labor

In den Laborräumen in der Berggasse kann Herwey zum Beispiel Hochglanzprospekte mit Cyanacrylat bearbeiten, um Fingerabdruckspuren sichtbar zu machen. Das Mittel wird auf 140 Grad erwärmt und legt sich bei einer Luftfeuchtigkeit von 60 bis 65 Prozent an den Fett- und Salzspuren eines Fingerabdrucks ab.
Für saugende Flächen wie Zeitungspapier verwendet Herwey Ninhydrin oder DFO. Die klare Flüssigkeit aus Ninhydrin wird entweder auf den Spurenträger aufgesprüht oder der Spurenträger wird als Ganzes in ein Tauchbad gelegt. Danach lässt der Kriminalist den Spurenträger auftrocknen und verschweißt ihn in feuchtem Milieu in einer Klarsichtfolie. Je nach Frische der Spur zwischen 12 Stunden und drei Tagen färbt das Mittel die Fettlinien der Fingerabdrücke rostbraun ein. Mit DFO behandelte Spurenträger werden statt der Verschweißung in einen Klimaschrank gelegt, wo sie sich entwickeln können.
Im Hochvakuumbedampfungsschrank wird ein Vakuum erzeugt. Eine Zink-Gold-Mischung wird mittels Stroms auf mehrere Hundert Grad erhitzt. Bei einem Schwellenwert glüht es für drei bis vier Sekunden auf und verdampft. Die Restsubstanzen setzen sich an den Fetten und Salzen der Fingerspur ab und machen sie sichtbar. Komplizierte Spuren behandeln die Kriminalisten mit Cynacrylat vor.
Manche Spuren können erst durch spezielle Lichtquellen sichtbar gemacht werden. Den Kriminalisten stehen dafür verschiedene Möglichkeiten zwischen Infrarot und Ultraviolett zur Verfügung. Für die Suche nach schlecht sichtbaren Spuren, wie nach Haaren oder Fasern verwenden die Tatortspezialisten Schräglicht, in dem Lichtstrahlen gebündelt werden. Ein Querschnittswandler streut das Licht auf einer Leuchtschiene, mit deren Hilfe die Beamten größere Flächen relativ rasch mit freiem Auge „scannen“ können.
Bei sehr komplexen Tatorten dauert die Tatortarbeit bis zu zwei, manchmal drei Wochen. „Wir arbeiten am ersten Tag bis zu acht Stunden direkt am Tatort“, sagt Friedrich Unger. „Danach lässt die Konzentration einfach zu stark nach. Da ist es oft besser abzubrechen, auch wenn man meint, man könnte noch weitermachen.“
Bei der Rückkehr in die Dienststelle steht den Kriminalisten noch einiges an Arbeit bevor. Die asservierten Spuren und gesicherten Spurenträger müssen aufgearbeitet werden. Täter- und Opferspuren müssen den Qualitätsstandards entsprechend getrennt aufbewahrt und behandelt werden.

Gerichtsmedizinisches Institut

„Den Großteil der Spuren werten wir selbst aus, einiges muss an Labors verschickt werden“, berichtet Kurt Herwey. DNA-Spuren werden zum Beispiel in einem gerichtsmedizinischen Institut ausgewertet, bestimmte Chemikalien können nur in der Kriminaltechnik des Bundeskriminalamts bearbeitet werden.
Am Ende steht ein Abschlussbericht, in dem sämtliche Spuren detailliert angeführt sind. 250 Seiten pro Bericht sind keine Seltenheit.

CSI

„Filme wie CSI Miami haben nicht unbedingt viel mit der Wirklichkeit zu tun“, sagt Friedrich Unger, „aber sie verhelfen dem Laien zu einem breiten Bild unserer Arbeit und schaffen vielleicht Verständnis bei unseren Kollegen dafür, wie sie sich auf einem Tatort bewegen können.“ Die Detailtreue der TV-Serien macht die Spurenlage für Kriminalisten allerdings manchmal dünn – nämlich dann, wenn Täter die Sendungen als „Lehrfilme“ für die Vermeidung von Spuren betrachten. Tatsächlich sind die Beamten bereits an Tatorten gewesen, wo sie den Eindruck hatten, dass hinter der Spurenbeseitigung durch die Täter reichlich Spezialwissen steckt.

Doppelmord

Am 16. Juni 2005, gegen 23 Uhr wurden in einer Wohnung in Wien 3 zwei Leichen entdeckt. Im Schlafzimmer lag blutüberströmt der ermordete pensionierte Baumeister Alfred P., 74, im Wohnzimmer seine 24-jährige Lebensgefährtin Erika S. aus der Slowakei.
„Wir haben relativ rasch feststellen müssen: Da hat offensichtlich jemand gründlich aufgeräumt“, erzählt Unger zu seinen Kollegen. Bei der Erstsondierung fiel weiters auf: „Welche Frau würde im Wohnzimmer sitzen bleiben, wenn ihr Mann im Schlafzimmer erschlagen wird?“, fragte sich Unger. Das weibliche Opfer lag neben dem Wohnzimmertisch, die Frau war nicht zur Tür gegangen. Das bedeutete für die Kriminalisten, es könnten mindestens zwei Täter am Werk gewesen sein.
Auch dass kein Schusswaffendelikt vorlag, stand relativ rasch fest. Das sprach gegen die Mord- und Selbstmordversion, die anfangs aufgestellt worden war.
Hausbewohner waren um 20.45 Uhr aufgeschreckt – durch Gepolter und Schreie aus der Wohnung von Alfred P. Einige waren auf den Gang gegangen, um zu hören, was los war. Das Rumoren und Schreien hatte aufgehört. Jetzt war nur mehr ein Wimmern aus der Wohnung zu hören. Die Hausparteien einigten sich darauf, der 74-Jährige habe mit seiner Freundin Streit gehabt. Die Ohrenzeugen gingen wieder in ihre Wohnungen zurück. Erst um 22.14 Uhr ging der Notruf in der Polizeidirektion ein.
Zwei Polizisten öffneten die Wohnung und fanden das Blutbad vor. Der Notarzt wurde gerufen. Er stellte den Tod der Opfer fest. Eine Wunde am Kopf der 24-Jährigen ließ die Einschreitenden vermuten, sie habe sich erschossen.
Einige Stunden später, während der Obduktion in der Wiener Gerichtsmedizin, legte der Arzt die Kopfwunden der Frau frei. Die Haut war geplatzt, als ein stumpfer Gegenstand auf den Schädel niederbrauste – mehrmals. Am Hinterkopf wurde ein eigenartiges Karo-Muster sichtbar. Kurt Herwey hielt alles fotografisch fest.
„Es hat ausgesehen, wie von einem gemusterten Prügel“, berichtet der Kriminalist. „Möglicherweise das Muster eines Griffs von einem Baseballschläger.“ In der Wohnung wurde nichts gefunden, was zu dem Muster passte. Am Tag nach dem Mord gingen Polizisten mit Diensthunden die Gegend ab. Sie suchten in Sträuchern und Büschen, hinter Ecken und im Rinnsal nach einer Eisenstange oder einem Baseballschläger. Die Tatwaffe blieb bis heute verschwunden.
Gläser, die in der Küche standen, waren abgewaschen worden. Auch den Aschenbecher hatte jemand gereinigt. Die Tatortkriminalisten stellten noch in den Ritzen Aschenreste fest. Die Luft roch nach Rauch. Laut Hausbewohnern war sowohl der Pensionist Nichtraucher, als auch seine junge Lebensgefährtin. In der Wohnung fanden die Kriminalisten kein Feuerzeug, keine Zigaretten, auch keine leeren Zigarettenschachteln.
Überführt wurden die Mörder auf Grund von Spuren, die die Kriminalisten dennoch fanden. Sie wurden zu 12 und 18 Jahren Haft verurteilt. Es hatte sich um Bekannte der 24-jährigen Slowakin gehandelt.