Den Cops den Auspuff von hinten zeigen


 



Ramiro mäht alles nieder


 
   

 

       

PC-Spiele

Schlachthaus Kinderzimmer

"Die Menschheit verroht immer mehr, körperlich, sprachlich und emotional." (Max Friedrich, Psychiater)

Die Macht der Motivation, die in einer ganzen Reihe der von den Eltern Halbwüchsiger oft unbeachteten, aber überaus gewaltorientierten PC- und Konsolenspiele liegt, sollte man keineswegs unterschätzen. Zur präventiven Verbrechensbekämpfung, die bekanntlich bereits in den Familien beginnen sollte, zählt es, zu verhindern zu suchen, dass Spiele dieser Art in die Hände von Kindern oder Jugendlichen gelangen. Dass dies infolge der Weitergabe solcher Disketten auf dem Schulhof oder auch im sonstigen Bereich nur schwer möglich ist, steht natürlich fest. Beim Spiel selbst ist außerdem oft weder beim Titel noch beim Intro oder beim ersten, flüchtigen Blick auf den Ablauf klar zu erkennen, dass es sich um kriminell motivierende Inhalte handelt.

100 Prügelattacken

Dazu einige Beispiele: Im Spiel "Fight Boss" etwa schlüpft der aufstrebende jugendliche Gewalttäter in die Gestalt eines "harten" Campus-Schülers. Als solcher pöbelt er zuerst einmal seine Mitschüler an und kann später – wie Spielmagazine begeistert melden – über 100 verschiedene Prügelattacken ausführen. All dies dient dazu, um "Mädels anzubaggern" oder um "Cooles Outfit inklusive abgefahrener Frisur" zu erlangen und dadurch das Ego aufzumöbeln. Besorgte Eltern, wache Schulaufsichtspersonen und aufmerksame Lehrer werden sich darüber sicher "freuen".
Für einige Spiele, etwa für jene, die die berüchtigten illegalen Straßenrennen betreffen, wird sogar im Kabelfernsehen geworben. Diese Straßenrennen könnten sich allerdings für einige jugendliche, angehende Führerscheinbesitzer negativ anregend auswirken (Motto: Enten jagen macht besoffen doppelt so viel Spaß). Bei "Midnight Club 3- DUB edition" sucht man seinen Sieg meist nächtens in den auch dann noch "pulsierenden" Straßen von Atlanta, San Diego und Detroit und fordert in aufgemotzten und selbst gestylten Automobilen oder Motorrädern seine Gegner zu wahrlich irren Kopf an Kopf-Rennen heraus.
Für den PC-mäßig ausgebildeten, aufstrebenden Raser-Nachwuchs aber folgt gleich die nächsthöhere Stufe. Wer würde wohl daran denken, dass es sich beim Spielziel einer Action-Serie mit dem Namen "Need for Speed", nicht nur um reine Automobil-Rennspiele handelt, sondern darum, durch möglichst viele Einträge ins Strafregister seinen Ruf in der einschlägigen "Szene" illegaler Rennfahrer zu verbessern und dadurch an die Spitze der "Black List" der Polizei zu kommen? (Need for Speed – Underground, Need for Speed – Most Wanted etc.). Wie es so fein in einem Artikel eines der in forschem, coolem "Neusprech" verfassten Spiele-Magazin ausgedrückt wird, "kann man sich darauf freuen, wieder einmal zumindest virtuell den "Cops" den Auspuff von hinten zeigen zu können".
Das Spiel "Street Racing Syndicat" bezieht sich ebenfalls auf illegale Straßenrennen und zeigt, wie man seinen "Renner" unter Verwendung des Wettgewinnes in "schwarzen" Werkstätten aufpolieren kann. Es "erheitert" in grimmiger Weise dadurch, dass der Autoraser und Möchtegern-Zuhälter in eigenen Warenhäusern auch die zu seinem jeweiligen Automobil passende, in einen halbseiden wirkenden "Kampfanzug" entkleidete weibliche "Randsteinschwalbe" auswählen und sie auch gleich als "Info-Geberin" einsetzen darf.

Gewalttaten und Morde

Ein jedoch – zumindest was die kriminelle Energie betrifft – viel weiter fortgeschrittenes Game ist "Mafia", das in einer fiktiv benannten, dem New York der dreißiger Jahre inklusive "China Town" und "Hoboken" fatal ähnelnden Stadt spielt. Dabei hat man als geld- und lernbegieriger Taxifahrer viele Aufträge für einen Barbesitzer und Mafia-Capo zu erledigen. Unter Zuhilfenahme von Waffen aller Art – etwa der bekannten Maschinenpistole Thompson M1928 (Tommy Gun) – müssen Gewalttaten und Morde am laufenden Band begangen werden. Bei Erfolg wird man mit Geld und dem Aufstieg im Kriminellenrang "belohnt", doch ist man dabei natürlich nicht risikofrei, kann man doch bei jeder Gelegenheit von gegnerischen Mafiosi mit Baseballschlägern erschlagen oder mit Feuerwaffen aller Art erschossen werden.
Noch "besser" in der blutspritzenden Realität der Darstellung ist allerdings das Spiel "The Godfather" ("Der Pate"), eine zwar im Inhalt nicht ganz "adäquate", dafür aber derart in Gewalt schwelgende PC-Umsetzung des bekannten Romans von Mario Puzo und der nachfolgenden Filmserie, dass sogar der Buch-Autor sich davon distanzierte. Jedenfalls kann man auch hier eine kriminelle Karriere machen und in die "Familie Corleone" aufgenommen werden. Da ist dann auch der Weg zum professionellen Killer nicht weit, wie ihn der glatzköpfige Einzelgänger in den beiden Spielen "Hitman" verkörpert. In dunklen Straßen herumstreichend, erledigt man als cooler, glatzköpfiger Killer seine "Kontrakte", wobei die negroide (!?) Spielfigur silbergraue Armani-Anzüge trägt, zwei in chromfinish ausgelegte Colt-Pistolen schwingt und natürlich auch in der Nacht dunkle Sonnenbrillen trägt.
Diese Figur eines verbrecherischen Schleichers ist allerdings in seinem blutigen Genre der "Stealth -Spiele" (Anschleichen und Umbringen) durchaus nicht allein, dafür sorgen schon die Umsetzungen der TV-Serie "Alias" und "24 Stunden" ("24-The Game") sowie diverse durch die James-Bond-Movies inspirierte Spiele, die natürlich ebenfalls durchwegs gewalttätig abfahren.
Beim neuesten Spiel der Autodieb-orientierten Serie "GTA" (Grand Theft Auto), GTA III, GTA Vice City etc.), das schlicht als "GTA San Andreas" bezeichnet wird und offenbar in einer kriminellen Ecke von Kalifornien spielt, ist die Spielfigur ein soeben aus der Haft entlassener, aber unverzüglich verfolgter Krimineller. Dieser begeht in einem Spiel von wahrhaft epischer Breite eine Vielzahl an Gewalttaten, aber auch andere Verbrechen, um sich erstens zu retten und zweitens bei seinen kriminellen Vorgesetzten im Rang "aufzusteigen".

Die helle Seite der Macht

Hat man es in solchen Spielen nicht geschafft, so kann man auch in die Rolle eines "Verlierers mit Gewinnchance" schlüpfen. Da nämlich die "Macht" offenbar nicht nur eine dunkle, sondern auch eine helle Seite hat, darf zur Seite des als zumindest in Übersee überaus gewalttätig dargestellten Gesetzes übergeschwenkt werden. So etwa ist die Spielfigur im neuen Game mit dem bezeichnenden Titel "Total Overdose" ein als abgerissener, schmutziger Mexikaner gezeichneter Hilfspolizist (!) namens "Ramiro". Dieser vertritt seinen als verdeckten Drogenfahnder tätigen, zur Spielzeit aber leider erkrankten Zwillingsbruder und will auch gleich seinen Vater rächen. Der ist nämlich an einer Überdosis krepiert, die ihm ein Drogenboss verabreicht hatte. Dauerfeuer ist angesagt und laut Beschreibung "dreht sich Ramiro wild schießend um die eigene Achse und mäht alles nieder".
Da die Game-Hersteller offenbar die Drogenwelt entdeckt haben, lässt, was man von angekündigten Spielen wie "NARC", "Bulletproof" oder "Snow" etc. hört, nichts Gutes erahnen. Schon das seltsame Spiel "Galerian", in dem die jugendliche Hauptfigur von angesetzten Drogen-"Schüssen" abhängig war, um übersinnliche Fähigkeiten zu erreichen, ließ tief blicken.
Wie schön hingegen, dass im Spiel mit dem bezeichnenden Titel "Stolen" die Hauptfigur nur eine offenbar aus dem Osten stammende, dafür aber sehr pazifistisch eingestellte Meisterdiebin namens Anya Romanowa ist. Diese turnerisch überaus begabte Schleicherin stiehlt zwar im Auftrag ihrer "Kunden" Kunstwerke aus bewachten Ausstellungen, "erledigt" aber die Wachen "nur vorübergehend" mittels Schallstrahlern, GPS-Trackern oder Elektroschockern.
Ein weiteres Spiel, das – wenigstens der Meinung einiger der für Spielmagazine tätigen Autoren und Tester nach – in das Genre von Kriminalitätsspielen einen "erfrischenden Wind" bringt, ist das Ego Shooter-Game "Cold Winter". In diesem Game ist die Spielfigur ein für die britische militärische Auslandsspionage MI 6 (Military Intelligence 6) tätiger fiktiver Arbeitskollege des ebenso fiktiven James Bond. Der als "Andrew Sterling" betitelte Avatar erhält im Spiel die Aufgabe, mit "Sinn und Verstand", (immerhin aber äußerst blutig), im fernen China "aufzuräumen".
Damit sind wir bereits bei der "Hohen Schule des Mord und Totschlags", nämlich den "Stealth-Games" angelangt. Den Anfang machte bekanntlich das eher "unblutige" Schleicher-Spiel "Metal Gear Solid", später aber folgten Spiele wie "Cold Blood" und die Games der "Rainbow Six"-Serie. Gegenwärtig ist der virtuelle Renner sicher das grafisch sehr gut gestaltete Spiel "Splinter Cell: Chaos Theorie", der bisher letzte Teil einer Serie.
In diesem Game erledigt die vom Buchautor Tom Clancy erfundene Figur des US-Sonderagenten "Sam Fisher", eines mit allen technischen Raffinessen versehenen "Schleichers" ihre mörderischen Aufgaben meist "lautlos" und im blutigen Messerkampf Mann gegen Mann.

Willkommen im Schlachthaus

Bisher unerwähnt, weil im Thema von der Wirklichkeit einer kriminellen Umwelt weit entfernt, blieben bislang die in der Historie oder gar im Fantasiebereich angesiedelten Spiele. Während sie trotz aller Kampfhandlungen eher unblutige Darstellungen boten, hat sich auch hier die Einstellung gewandelt. So etwa ist das Historienspiel "Shadow of Rome" trotz aller Bemühungen für Spielwitz, Handlung und Graphik mit Gewaltszenen nur so angereichert. Als ehemaliger Centurio und nunmehriger Gladiator Agrippa diverse Körperteile abzuhacken und von Blut triefende Schwerter durch die Leiber der Gegner zu treiben, gehört zur Dauerunterhaltung. Aber auch die "Stealth"-Szenen, in denen sich der jugendliche Octavianus (der spätere Princeps) auf der Suche nach Caesars Mördern von hinten an einzelne Legionäre heranschleicht, um sie mit Hilfe eines Strickes zu erwürgen, haben es in sich. Da scheint es wie ein Hohn, dass das Spiel eine versteckt angebrachte Altersbeschränkung "ab 18" aufweist, dass zu Spielbeginn eine Warnung vor Gewaltszenen erfolgt sowie eine Auswahl das Spielen "mit oder ohne Blut und Abhacken" ermöglicht.
Dasselbe gilt für die Horror-Adventure-Spiele der "Resident Evil"-Serie aus dem Zombie-Bereich und für ihre artgleichen "Splatterhouse"-Spielverwandten, etwa für die "Silent Hill"- Serie, zumindest aber für "Obscure", ein schleimiges "Fleischhackerspiel" für verschreckte Studenten. Neben der Serie "Alone in the Dark", mit ihren triefenden Darstellungen blutiger Grottenolm-Grässlichkeiten, ist das Spiel "Haunting Ground" eher harmlos. Darin flieht nämlich bloß ein junges Mädchen – später in Begleitung eines weißen Hundes – vor dem Schlossinhaber und vor einem dauernd grölenden fleischigen Verfolger, der es durch die düsteren Räume eines alten und natürlich riesiges Schlosses verfolgt.

Zweifelhafte Altersbegrenzungen

Dass solche Spiele, aber auch Fantasy-Spiele wie etwa "Drakengard", das ein echtes, blutspritzendes Gemetzelspiel für Epilepsie-Anwärter zu sein scheint, die Altersbeschränkung "ab 16 Jahren" trägt, kann nicht trösten, denn ebenso blutige Spiele wie etwa "Ronin Blade", ein Samurai-Spiel mit ebenso bluttriefenden Effekten, weist gar die Empfehlung "ab 6 Jahren" (!) auf…
Kriegsspiele wie "Brother in Arms" hingegen konzentrieren sich mehr auf den Strategie- oder Taktikbereich und auch Kampffahrzeug-Simulationen, etwa jene der "Ace Combat" Luftkampf-Serie ergehen sich lieber in farbigen Explosionen, als grausige Details der kriegerischen Auseinandersetzungen zu zeigen. Deshalb sind sie zwar keineswegs zu befürworten, doch fragt man sich, wann eigentlich für die ekligen und Schrecken erregenden Darstellungen ein Ende gekommen ist, sind sie doch meist nur mit Altersbegrenzungen von 12 Jahren versehen. Solche Altersbegrenzungen auf den Spielumhüllungen und Warnhinweise nützen zwar nicht viel, wohl aber eine korrekte Kontrolle: Glaubt denn wirklich jemand, solche Spiele würden vorwiegend von Erwachsenen gespielt?
Kaum einer der befragten über 18-Jährigen zeigte übrigens besonderes Interesse an diesen Spielen, ist man doch in diesem Alter bereits an ganz anderen Dingen interessiert.
Dass der Jugendliche, der in Erfurt eine Schule "aufmischte", sich seine Anregungen aus einem Videospiel holte, dass ein weiterer Jugendlicher sich für seine Gewalttat mit einem Samurai-Schwert bewaffnete und kleidete wie eine der Spielfiguren der "Final Fantasy"-Serie (Squall), sind zwar Einzelfälle. Wer jedoch schon einmal Schulkinder beobachtet hat, wie sie sich gegenseitig Nahkampftricks zeigen ("Siehst Du, so macht man das mit den Zombies"), dem ist klar, dass hier ein vielleicht aus Unwissenheit, wahrscheinlich aber einfach aus Desinteresse heraus gegebenes elterliches Versagen in der Aufsichtspflicht stattgefunden hat.
Solche Spiele auf einen Index zu setzen, nützt ebenfalls nichts, denn dies besagt nur, dass sie zwar nicht beworben, aber auf Anfrage trotzdem gehandelt werden dürfen. Einem 16- oder 18-Jährigen ein solches Spiel zu verkaufen, kann nicht verwehrt werden, auch wenn der Ladeninhaber später zufällig sieht, dass der Käufer schon nach Verlassen seines Geschäftes das Spiel an offensichtlich viel Jüngere weitergibt.
Ein anderes Problem ist das "Hacken", denn trotz Kopierschutzes und Verbotes werden natürlich gerade die "indizierten" Spiele kopiert und als Einzelexemplare weitergegeben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass jugendliche Spiele-Freaks infolge ihrer schulischen Ausbildung oft weit EDV-kundiger sind, als die Elterngeneration.

Die Eltern sind gefordert

Ein striktes Verbot auszusprechen, scheint auch deshalb unwirksam, weil eine solche Vorgangsweise schließlich nur Trotz und gesteigertes Interesse wecken würde. Die entsprechende Aufklärung über die Problematik und Tipps für deren Bewältigung sollten vielmehr das Thema einer klugen verbalen Gesprächsführung der Eltern mit den Jugendlichen sein. Letztlich gibt es ja eine viel größere Anzahl von Spielen mit harmlosen, aber ebenso spannenden Inhalten im riesigen Angebot der Herstellerfirmen.
Heinz Hailwax