|

|
|
Kriminalgeschichte
|
Der russische Kriminalist
Wenn von hervorragenden Kriminalisten gesprochen wird, denkt jedermann sofort an Maigret, Sherlock Holmes, Hercule Poirot und andere, vergisst aber dabei zumeist, dass all diese Superdetektive nie wirklich gelebt haben, sondern lediglich Erfindungen talentierter Schriftsteller waren.
In der Geschichte der Kriminalistik hat es einen wirklich genialen Geist gegeben, der von seinen Zeit- und Berufsgenossen auch als solcher gerühmt und verehrt worden ist. Sein Name war bis vor kurzem selbst in seiner russischen Heimat nur wenigen bekannt. Waren in sowjetischer Zeit hervorragende Persönlichkeiten des Zarenreiches ohnehin kein Gesprächsthema, so wurde nach Perestroika und Glasnost zunächst nur in Fachkreisen und erst viel später auch in der Öffentlichkeit über ihn gesprochen. Iwan Dmitrijewitch Putilin wurde im Mai 1830 im Dorf Nowij Oskol im Kursker Gouvernement als Sohn eines armen Kanzleibeamten geboren. Nach Besuch der 4-klassigen Grundschule blieb er im Heimatort, wo er einige Jahre als Taglöhner und Laufbursche arbeitete und einen „Selbstfindungsprozess“ durchmachte. Möglicherweise hat seine Hauptbeschäftigung aber auch nur darin bestanden, in den Tag hineinzuleben und, wie man damals zu sagen pflegte, dem Herrgott die Zeit zu stehlen. Sein älterer Bruder Wassilij, der bereits in St. Petersburg im russischen Innenministerium arbeitete, holte den 20-Jährigen schließlich in Russlands Hauptstadt und brachte ihn in der Wirtschaftsverwaltung seines Ministeriums unter, wo man einen Kanzleibeamten suchte. Putilin sah sehr bald, dass ihm sein Fleiß und seine Begabung beim beruflichen Fortkommen allein nur wenig helfen konnten, fehlte ihm doch die entsprechende Schulbildung. Zudem erkannte der stv. Leiter der Wirtschaftsabteilung Winogradow die Talente des jungen Kanzlisten. Er rief ihn zu sich und gab ihm den Rat zu studieren. „Nimm dir Studenten, sie können dir deinen Kopf rasch herrichten“ und „ich verspreche dir meine volle Unterstützung“ Also stürzte sich der junge Staatsbeamte aufs Studieren, kaufte sich mit seinem bescheidenen Einkommen Schulbücher und bezahlte Studenten die ihn unterrichteten. Tatsächlich schaffte der 23-Jährige 1853 an der St. Petersburger Universität die – heute würden wir sagen – Vollmatura für ein humanistisches Gymnasium. Damit stand einem weiteren Aufstieg nichts mehr im Wege und er konnte zum Beamten im Wirtschaftsdienst des MWD (Innenministerium – ministerstwo wnutrennych djel) ernannt werden. Allerdings hat ihm diese Tätigkeit nicht sonderlich zugesagt. Auch hat sie nicht seinen ihm angeborenen Fähigkeiten entsprochen. Folglich hat er um seine Versetzung zur Kriminalpolizei angesucht. Seinem Antrag wurde schließlich, nach langen bürokratischen Verzögerungen, 1854 entsprochen.
Die Nadzirateli. Sein erster kriminalpolizeilicher Rang war der eines Gehilfen der damals so genannten Nadzirateli. Dabei handelt es sich um Zivil-Polizei-Agenten die in einem bestimmten Rayon Streifendienst versehen, mit der Bevölkerung in ständigem Kontakt stehen und solcherart die Geschehnisse in ihrem Stadtbezirk aufmerksam beobachten. Als ersten Arbeitsbereich wurde ihm der äußerst verrufene Tolkutskij-Markt zugewiesen. Dort waren alle Vertreter russischer Unterweltstypen zu beobachten. Hier konnte Putilin seine ersten Erfahrungen als junger Detektiv sammeln. Lehrmeister und Ausbildner des Polizeischülers waren hartgesottene Nadzirateli, von denen man gesagt hat, dass sie zwar viel gewusst aber wenig getan haben. Nach ihrer Selbsteinschätzung hätten sie undankbare Dreckarbeit zu besorgen, sich mit dem Abschaum herumzuschlagen ohne dafür anerkannt oder gar belohnt zu werden. Selbst der letzte Landstreicher bewerfe sie mit faulen Eiern. „Wir werden dich bis zum Letzten antreiben“, haben sie dem jungen Neuling eingebleut, „das ist bei uns so Tradition, das ist zu deinem Vorteil und nützt deiner Ausbildung. Deine Karriere hängt nur von dir allein ab“. Seine Lehrer haben ihm auch eingeschärft: „Beobachte das Leben, bemerke all das, an dem der Bürger achtlos vorbeigeht, sei ein Artist, schlüpfe in die Haut der Schurken und des Opfers, lerne dich aus jeder Lager herauswinden, fürchte niemanden und nichts, sei dabei aber galant wie zu einer Braut. Und noch zwei Ratschläge: Hat eine Fahndung einmal begonnen, unterbrich sie nicht, nicht einmal für nur eine Minute und die Kunst der Kriminalistik lerne bis du graue Haare hast.“ In seiner Freizeit besuchte der Wissbegierige unerkannt Gaunerschenken, Landstreichertreffpunkte und zweifelhafte Herbergen. Er belauschte dort die Gespräche, erlernte den Unterweltsjargon, schloss auch die eine oder andere Bekanntschaft und merkte sich Gesichter und Spitznamen. Bei diesen Ausflügen verkleidete er sich, je nach Bedarf, als Landstreicher, Kaufmann, als Beamter oder als Soldat um in der Unterwelt mit ihren Gaunern, Dieben und Prostituierten nicht sofort Verdacht zu erwecken. Er hatte an sich schauspielerisches Talent entdeckt, das er beharrlich weiterentwickelte und für seine Zwecke einsetzte. Wann immer es notwendig war, benützte Putilin seine „operative Garderobe“ um in passender Verkleidung Erkenntnisse und Beweismittel zu sammeln, die anders nicht zu erhalten gewesen wären. Seine besonderen schauspielerischen Fähigkeiten befähigten ihn, alle Rollen, vom Landstreicher bis zum Kaufmann, glaubwürdig zu spielen. Solche verdeckten Ermittlungen waren schon damals nicht ganz ungefährlich. Einmal wurde der junge Putilin bei einer Rauferei sogar ordentlich verprügelt. Der angehende Detektiv ließ sich aber dadurch nicht von seinem Weg abbringen. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Manchmal habe ich geglaubt, dass der Geistliche und der Arzt, die zwei allerintimsten unserer Vertrauten, nicht so viele Geheimnisse gehört haben wie ich im Laufe meines langjährigen Dienstes. ... Und in Laufe der Zeit bekommst du so tiefe Einblicke ins Leben, dass du zu verstehen und zu vergeben lernst.“
Der Kripochef. Putilins Fähigkeiten, sein hervorragender Intellekt, sein Fleiß und seine Beharrlichkeit trugen rasch Früchte. 1866 wurde er, erst 33-jährig, zum Leiter der St. Petersburger Kriminalpolizei ernannt. In diesem Amt ist er 23 Jahre, bis zu seiner Pensionierung geblieben. Die St. Petersburger Kriminalpolizei der damaligen Zeit hatte lediglich 22 Mitarbeiter. Auch die materielle Ausstattung war mehr als bescheiden. Man kannte lediglich Daktyloskopie, Anthropometrie und Tatortphotographie. Es war also kein Wunder, dass – wie ein Biograph Putilins schreibt – die persönlichen Qualifikationen des Detektivs für die Straftatenaufklärung einen besonderen Stellenwert besaßen. Putilin hat es sich nicht nehmen lassen, selbst gefährlichste Kriminelle persönlich, Aug in Aug, zu verhören, wobei ihn keiner jemals angepöbelt oder gar angegriffen hätte. Er erklärte seine Methode folgendermaßen: „Ich habe für Verhöre niemals vorbereitete Fragen verwendet. Auch habe ich nie versucht, Kriminelle zu täuschen oder sie in Widersprüche zu verwickeln und damit zu verbittern. Im Gegenteil, ich habe wie ein guter Bekannter mit ihnen gesprochen und versucht ihnen einzuflößen, dass sie keine Ungeheuer, keine Unmenschen, sondern unglückliche Menschen seien, die volles Mitgefühl verdienen. Ganz selten ist es auf diese Weise nicht gelungen ein umfassendes Geständnis zu erhalten. Man kann sogar sagen, dass mir der Kriminelle nach mehreren Gesprächen häufig – wie man so sagt – seine ganze Seele ausgeschüttet hat." Der erste St. Petersburger Kripochef besaß offensichtlich besondere persönliche Eigenschaften, wie eine ungewöhnlich scharfe Beobachtungsgabe, Gelassenheit, ausgeprägten Humor, Gutmütigkeit, perfekte Umgangsformen, Entschlossenheit bei der Arbeit und vor allem die Fähigkeit, Gesprächspartner zu einem offenen Gespräch zu führen. Sie waren Garanten seines Erfolges. Andererseits dürfte Putilin schon damals jene polizeilichen Praktiken gekannt und eingesetzt haben, die man heute als proaktive Polizeiarbeit bezeichnet und in besonderen Fällen erfolgreich anwendet. So ist es beispielsweise damit auch hierzulande seinerzeit gelungen, den steirischen Briefbombenattentäter Franz Fuchs zu enttarnen und festzunehmen. Putilin selbst verrät das Geheimnis seines Erfolges: „Oft werden all unsere Aufklärungen dem Zufall zugeschrieben. In der Tat hilft uns der ‘Zufall’ immer wieder. Die Sache ist aber die, dass wir selbst diesen Zufall suchen. Wir selbst sind hinter ihm her und stoßen auch selbst nach langen ergebnislosen Ermittlungen auf ihn. Wir kennen Orte, dunkle Slums, wo gerne geplaudert wird und wo man, – wenngleich auch nur winzige – Anhaltspunkte schöpfen kann. Diese Orte überwachen wir unter voller Anspannung der Sinne, ohne Unterbrechung, häufig unter Lebensgefahr.“ Obwohl die Fähigkeiten, Kenntnisse und das berufliche Engagement des Detektivs und Kripochefs unbestritten waren, hat er sich selbst lediglich als kleines Rädchens in der kriminalpolizeilichen Ermittlungsmaschinerie gesehen. Auch in seinen Aufzeichnungen würdigt er immer wieder talentierte und tüchtige Mitarbeiter, die zu Ermittlungserfolgen entscheidend beigetragen haben. Insofern unterscheidet sich Putilin, wie im übrigen alle anderen realen „Kriminalkommissare“, von ihren literarischen Zerrbildern, da sie, insbesondere heute, auf die Resultate einer engen Zusammenarbeit mit anderen angewiesen sind. Sherlock Holmes hat, so gesehen, nirgendwo gelebt, nirgendwo ermittelt und noch weniger irgendwo Erfolg gehabt. Der St. Petersburger Kripochef war stets bemüht, ein Kollektiv von gleichgesinnten Mitarbeitern und zuverlässigen Helfern zu bilden, von dem optimale Aufklärungsresultate zu erwarten war. Auch in seinen Aufzeichnungen hat er seine Person nirgendwo als Held in den Vordergrund gestellt, sondern war immer bemüht, den Ruhm bei der Lösung spektakulärer Kriminalrätsel mit seinen Kollegen und Mitarbeitern zu teilen.
Die Würgerbande. Am Beginn seiner Karriere als „Genie der Kriminalistik“, wie ihn seine Kollegen und Vorgesetzten nannten, stand die Aufklärung einer Reihe von Raubüberfällen in St. Petersburg und Umgebung. 1855 waren dort plötzlich Würger (dushiteli) aufgetaucht, die Fuhrleute, Kutscher und Bauern überfielen und mit Stricken erdrosselten. Sie raubten ihnen Pferde, Wagen und Wertgegenstände um danach blitzartig zu verschwinden. Innerhalb kürzester Zeit waren auf diese Weise dutzende Menschen ermordet worden. Putilin verkleidete sich als desertierter Soldat und besichtigte auf diese Weise unauffällig die Tatorte, sammelte Informationen über die gesuchte Bande und entdeckte schließlich ihren Treffpunkt. Er fand auch den Zeitpunkt des nächsten Überfalls heraus und fasste dann mit nur 14 Polizeiagenten die 20-köpfige „Würger“-Bande. Seine Verdienste um die Festnahme der Verbrecher wurden vom damaligen St. Petersburger „Ober-Polizeymeister“, Graf Shuwalow öffentlich gewürdigt. Damit war der Startschuss für die weitere steile Karriere Putilins als anerkannter und bekannter Kriminalist abgegeben.
Der Tod des österreichischen Militärattachés. Einen weiteren Aufsehen erregenden Mordfall konnte Putilin gleich zu Beginn seiner Laufbahn als St. Petersburger Kripochef klären. Es war dies die Ermordung des österreichischen Militärattachés Ludwig Fürst von Arensberg im April 1871 durch Unbekannte. Wie die Ermittlungen sehr rasch ergeben haben, hatten Einbrecher den Fürsten ausrauben wollen und sich dazu in seine Wohnung eingeschlichen und dort im Schlafzimmer auf die Lauer gelegt. Der Mord hatte in Russland, vor allem aber in diplomatischen Kreisen großes Aufsehen erregt. Erst nach seiner Aufklärung, die schon nach wenigen Tagen gelungen war, hat sich die allgemeine Erregung allmählich gelegt. Der österreichische Botschafter, Graf Chotek hat sich danach bei Putilin persönlich für die ausgezeichnete Arbeit bedankt und versprochen, sich für die Verleihung einer hohen Auszeichnung bei seinem Souverän, dem Kaiser von Österreich-Ungarn zu verwenden.
Mord im Kloster. Drei Jahre später, im Jänner 1974, ist es im berühmten Alexander Newskij Kloster zu einem grausamen Mord gekommen. Nachdem der Mönch Illarion nicht zur Morgenmesse gekommen war, brach man seine Zellentüre auf und fand ihn in einer riesigen Blutlache auf. Die Leiche wies zahlreiche Einstiche auf, sogar der Bart des Bedauernswerten war teilweise ausgerissen worden. Den Spuren nach, muss es zu einem heftigen Kampf zwischen Täter und Opfer gekommen sein. Überall in der Zelle, vor allem aber am Kerzenleuchter und im Wäschekasten, wurden Blutanschmierungen gefunden. Putilin besichtigte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter und dem Polizeiarzt den Tatort, ließ sich über die bisherigen Feststellungen berichten und nahm dann die Doppelzelle des ermordeten Mönches sorgfältig in Augenschein. Die Spurenlage zeigte ihm, dass der Täter bei der Gegenwehr seines Opfers erhebliche und stark blutende Verletzungen erlitten haben muss. Der Mörder hatte, was nicht zu übersehen war, im Wäschekasten nach Geld gesucht und dabei mit seiner stark blutenden Rechten entsprechende Spuren an der Wäsche hinterlassen. Mitbrüder des Getöteten berichteten von einem früheren Klosterdiener, der kurz vor der Tat im Kloster aufgetaucht war und dort sogar genächtigt hatte. Der Kriminalist wies dann einen seiner Untergebenen an, in der Stammschenke nach dem ehemaligen Pförtner zu suchen, was nach verschiedenen Schwierigkeiten schließlich auch zum Erfolg führte. Als dieser bei der Festnahme seine Hände vorwies, zeigten sich an der rechten Handfläche tiefe Einschnitte. Der Verdächtige gab den Mord sofort und unumwunden zu. Er wurde von den Geschworenen zu 12 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ist aber vor dem Abtransport nach Sibirien dem Wahnsinn verfallen.
Mord im Stundenhotel. Mitte der 80-er Jahre erschütterte ein grauenhafter Mord in einem St. Petersburger Stundenhotel die Bevölkerung. In den Morgenstunden des 7. August hat der diensthabende Etagenlakai die Leiche eines Unbekannten in Zimmer Nr. 3 entdeckt. Der Körper des Toten war grauenhaft verstümmelt. Der Täter hatte dem Hotelgast mit einem scharfen Messer den Hals durchschnitten. Die Leiche schwamm in einem See von Blut. Schon bei Besichtigung des Tatortes konnte ein Untergebener Putilins erstaunliche Feststellungen treffen, die schlussendlich nach mühevollen und langwierigen Erhebungen zu den Tätern führten. Die Aufklärung gerade dieses unglaublichen Verbrechens belegt, wie weit Putilin Teamarbeit gepflegt und geschätzt hatte. In seinen schriftlichen Erinnerungen hebt er ausführlich die Verdienste seines Agenten bei der Aufklärung dieser ungewöhnlichen Straftat hervor.
Bekanntschaft mit Dostojewskij. Der spätere Geheimrat pflegte Freundschaften zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in St. Petersburg. Unter anderem war er mit den berühmten Schriftstellern Krestowskij („Petersburger Elendsquartiere“) und Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, der ja selbst bittere Bekanntschaft mit der russischen Justiz gemacht hatte, bekannt und befreundet. Ein anderer Zeitgenosse, der allgemein geschätzte Jurist A.F. Koni, würdigte Putilin in seinen Erinnerungen als außerordentlich begabt und geradezu wie für sein Amt geschaffen. Putilin galt seinen Zeitgenossen als treuer Diener des Zaren, der seinem Amtseid gemäß den Dienst über seine persönlichen Bedürfnisse stellte. Er besorgte seine Amtspflichten ohne Rücksichtnahme auf persönliche Wünsche und Bedürfnisse und ohne sich selbst zu schonen. Als aufmerksamen Beobachter ist ihm freilich nicht entgangen, dass nicht alles gut war, was von Staat und zaristischer Autokratie verfügt worden ist. So war er durchaus nicht mit den damals noch üblichen Prügelstrafen einverstanden. In seiner Erzählung „Der Henker“ schreibt Putilin: „...wahrscheinlich habe ich damals erstmals über die Nutzlosigkeit, Brutalität, die fürchterlichen Konsequenzen und die demoralisierende Wirkung der Körperstrafe nachgedacht. ... Ich kann mich noch an den Tag erinnern – ich war damals schon ein abgebrühter Polizist – als ich mich bei der Nachricht, dass öffentliche Auspeitschungen und diese verfluchte Knute der Vergangenheit angehören, dankbar bekreuzigt habe“. Ungeachtet dieser zeitkritischen Einstellung, hat Putilin mit seiner Abteilung durchaus erfolgreich mit der politischen Polizei bei der Bekämpfung des Terrorismus und der revolutionären Bewegungen zusammengearbeitet. Diese Kooperation ist soweit gegangen, dass die damalige Kripo quasi als zweite Staffel der Staatssicherheitspolizei gegolten hat. Bekannt wurde unter anderem die Festnahme des begabten Dichters und Übersetzers Michailow sowie die Observation der Schriftsteller Tschernyschewskij und Schelgunow durch Putilins Kriminalbeamte. Aber, so fragen seine heutigen Biographen, kann man Putilin deswegen verurteilen? Während seiner 35 Dienstjahre hat Putilin ungezählte Kriminalrätsel gelöst. Für seine erfolgreiche Arbeit hat er ebenso zahlreiche Auszeichnungen erhalten, so unter anderem die Orden der Hl. Anna, des Hl. Stanislaus, des Hl. Wladimir und viele ausländische Auszeichnungen. Sein Name war in ganz Russland berühmt und bei seiner Klientelschaft gefürchtet. Immerhin hat er durch fast 4 Dezennien Hunderte Gefechte mit der Unterwelt ausgetragen und dabei das Leben, die Gesundheit und die Unversehrtheit tausender Bürger geschützt. 1889 erkrankte er schwer. Mit dem Dienstrang eines Geheimrates (entspricht einem Generalleutnant der Armee) ist er in Pension getreten. Er wohnte fortan bescheiden in seinem Haus im Gouvernement Nowgorod und fuhr äußerst selten nach St. Petersburg wo er so viele Jahre so erfolgreich gewirkt hatte. Putilin hatte sich eigentlich vorgenommen, die in seiner Dienstzeit angesammelten Materialien als Memoiren herauszugeben, doch sein früher Tod hat ihn das Projekt nicht zu Ende bringen lassen. Er konnte die Aufzeichnungen nach Fertigstellung nicht mehr an den Verlag absenden. Der geniale Kriminalist ist, gerade 63-jährig, am 18. November 1893 an den Folgen einer Grippe verstorben. Heinz Dorn
Quellen: 1) Iwan Putilin – Zapiski natshalnika Sankt-Peterburgskogsyska, Eksmo, Moskau 2001, ISBN 5-04-008414-5 2) verschiedene Kurzbiographien u.a. von Viktor Lykow Anmerkung: im Sept. 2003 ist der Roman von Leonid Jusefowitsch mit dem Titel „Im Dienste des Zaren - Iwan Putilin ermittelt“ auch in deutsch erschienen.. (ISBN 3-442-45538-3, Goldmann, 319 Seiten, Euro 8,80). Darin wird die Aufklärung des Mordfalles Fürst Ludwig von Arensberg geschildert.
|
|
|