Gesellschaft sind wir alle


 



Ihre Gier ist unermesslich


 
   

 

       

Zur Diskussion

Fairness, Anstand und Moral

Wer sich nicht zu einer Lobby zählen darf, beziehungsweise es aufgrund moralischer Bedenken vermeidet, sich in einer solchen zu etablieren oder mit den Mitgliedern einen konstruktiven Dialog zu führen, steht in der heutigen Wirtschaftswelt, vor allem aber auch in den bürokratischen Strukturen des Beamtentums auf verlorenem Posten.

Betrachtet man die jüngst bekannt gewordenen Skandale um den einträglichen Lobbyismus von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grassers Geschäftsfreunden oder um die Vorgangsweise von Ex-Innenminister Ernst Strasser, der eine spezielle Art von aus seiner Sicht objektiver Besetzung von Dienstposten praktizierte, fühlt man sich manchmal mehrere Jahrhunderte zurückversetzt, in eine Zeit, in der Willkür und Machtmissbrauch der jeweils Herrschenden keine Beschränkung gefunden haben und keinen Sanktionen unterlegen sind.
Der englische Philosoph Thomas Hobbes beschrieb in seinem berühmten Werk „Leviathan“ den so genannten Naturzustand des Menschen als einen gänzlich unparadiesischen Kriegszustand aller gegen alle. Betrachtet man die derzeit oft geübte Praxis in Politik und Verwaltung, wo Österreichs Politiker und einzelne Beamte wiederholt so vorgehen als seien Staat und Verwaltung ihr persönliches Eigentum, mit dem sie nach Belieben schalten und walten können, könnte man denken, dieser „Urzustand“ ist noch lange nicht überwunden. Aufgrund dieser Tatsachen ergibt sich die Frage, ob wir uns in einer sehr deutlich nach unten weisenden gesellschaftlichen und moralischen Entwicklung befinden.

Fatalismus. Zu bedenken ist aber, dass die Gesellschaft wir alle sind und daher dazu beitragen, dass die geschilderten Umstände in unserem Staat immer noch oder gerade in unserer Zeit möglich sind. Bei vielen Menschen hat sich ein gewisser Fatalismus eingeschlichen, der daher rührt, dass man sich machtlos gegenüber solchen Entwicklungen und gewissen Kräften fühlt. In diese Richtung würde auch die um sich greifende Politikverdrossenheit einer großen Zahl vor allem junger Menschen weisen, die in den meisten Politikern keine Vorbilder sehen und ihnen zukunftsweisende Visionen nicht zutrauen. Als Folge bleiben viele Bürgerinnen und Bürger demokratischen Wahlen fern, verweigern sich den bestimmenden Mechanismen des Staates und stellen eine zunehmende Zahl frustrierter und gegenüber Politik und Verwaltung misstrauischer Menschen dar.
Andererseits: Wie halten wir es selbst mit Anstand und Fairness? Sind wir bereit, für unseren eigenen Vorteil alle moralischen Bedenken über Bord zu werfen? Setzen wir rücksichtslos alle erlaubten, verbotenen oder anrüchigen Mittel und Möglichkeiten ein, um unsere beruflichen und privaten Ziele zu erreichen? Wenn uns Macht anvertraut wird, nützen wir diese brutal und vorbehaltlos aus und handeln wir nur für unsere eigenen Interessen? Existiert in Ihrer Erinnerung ein Ereignis, wo Sie mit allen Mitteln versucht haben, ihre Intentionen durchzusetzen und sich auf Diskussionsbeiträge und Einwände anderer nicht eingelassen haben? Arbeiten wir im Rahmen von Tätigkeiten für Staat beziehungsweise Verwaltung symbolisch oder tatsächlich in die eigene Tasche oder begünstigen wir Freunde, Verwandte oder Vertraute, damit unsere Macht noch größer wird und sich unser Einfluss noch mehr ausdehnen kann?
In der heutigen Zeit scheint sich die Entwicklung zu Egoismus und gewissenloser Verwirklichung von Eigeninteressen immer radikaler auszuweiten. Rücksichtnahme, sozial vernetztes Denken und Fairness sind scheinbar zu veralteten Begriffen verkommen.

Verlust an Solidarität. Die Tendenz einzelner Menschen, bestimmter Interessensgruppen, einzelner Länder beziehungsweise Staaten, sich in wirtschaftlicher, politischer oder militärischer Hinsicht mit allen Mitteln für eigene Vorteile ohne Einschränkung und Bedachtnahme auf Interessen der jeweils anderen durchzusetzen, kann zu einem wachsenden Verlust der Solidarität der Völker und zu nicht absehbaren Folgen in Wirtschaft und Gesellschaft führen. Es ist offensichtlich modern geworden, im Zuge einer uns als sinnvoll vorgespiegelten Globalisierung und Liberalisierung von Gesellschaft und Markt die Vorteile der eigenen Person und hilfreicher Seilschaften und Verbindungen unter Missachtung früher geltender gesellschaftlicher Regeln mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln durchzusetzen. Das auch auf die Gefahr hin, dass dies zum Schaden anderer, der Allgemeinheit oder des Zusammenlebens beziehungsweise der Umwelt und des Weiterbestehens lebenswichtiger Mechanismen gereichen könnte.
Raffgierige Manager, Börsenmakler, Politiker, Wirtschaftstreibende und auch Beamte haben in letzter Zeit enorme wirtschaftliche Schäden verursacht und die gesamte Welt an den Rand des Ruins gebracht. Alle Grundsätze und Regeln wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Vernunft wurden bewusst gebrochen und ignoriert um eigene Vorteile zu maximieren, sich zu bereichern und in den Vordergrund zu spielen. Andererseits scheuen solche Menschen nicht davor zurück, die Hilfe der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, wenn es darum geht, Katastrophen zu vermeiden oder abzufedern. Kaum wähnen sie sich wieder auf der sicheren Seite, sehen sich und ihre Scheingebilde und Imperien gerettet, setzen sie ihr rücksichtsloses und egoistisches Spiel fort, treiben es möglicherweise noch ärger auf die Spitze, erhöhen sie ihren Einsatz, ihr Risiko und ihre Gewinnabsicht. Ihre Gier ist unermesslich, ihre Rücksichtslosigkeit beispiellos. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verhalten sich wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange, sehen taten- und hilflos zu und sind nicht in der Lage, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Lobbyismus und Egoismus. Diese Entwicklung hat auch auf staatliche Strukturen und bürokratische Institutionen übergegriffen und vor diesen nicht halt gemacht. An die Stelle eines vernetzten, sozialen Denkens und Verhaltens in partnerschaftlicher und rücksichtsvoller Form ist in den letzten Jahren ein extrem praktizierter Lobbyismus und Egoismus getreten, der manchmal bizarre Ausmaße angenommen hat. Wider jede Vernunft, ohne Schonung der Interessen von Organisationen, der Mitarbeiter und Strukturen werden Eigeninteressen verfolgt, Seilschaften gebildet beziehungsweise gefördert, um so Vorteile bei der Besetzung von Positionen und der Verteilung von Macht und Einfluss zu lukrieren. Dies geht bis an die Grenzen der Geschmacklosigkeit und des Anstandes. Einzelne scheuen sich auch nicht davor, ihr Selbstbild und ihren Charakter zu verleugnen, um vor Entscheidungsträgern gut dazustehen und bei der nächsten Beförderung oder bei heranstehenden Ämtervergaben bedacht zu werden.
Der Trend, in der Verwaltung wichtige Positionen zunehmend mit politisch opportunen Personen zu besetzen, widerspricht dem Prinzip einer unabhängigen und glaubwürdigen Verwaltung, die frei von politischen und lobbyistischen Einflüssen agieren soll. Den Bürgerinnen und Bürgern sollen der Staat und seine bürokratischen Einrichtungen interessensneutral und objektiv als Serviceeinrichtungen oder Garanten eines einwandfreien, sicheren und fundierten Rechtsstaates zur Verfügung stehen und uneingeschränkte Bedeutung als gesellschaftliche Wertgrundlage haben.
Dass auch im Sport die früher sprichwörtliche Fairness nicht mehr zum Tragen kommt, haben uns zahlreiche Berichte von Vorfällen vor Augen geführt, die dokumentierten, dass Menschen bereit sind, für vorübergehenden Ruhm und finanzielle Vorteile ihre Gesundheit und ihr Leben zu gefährden und zudem noch Erfolge ihrer sportlichen Konkurrenten zu mindern. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, sind sogar Hobbysportler bei Bewerben, wo es nur um die so genannte Ehre geht, bereit, sich selbst mit unerlaubten Mitteln Schaden zuzufügen und ihre Mitbewerber auf betrügerische Art und Weise zu übertrumpfen. Wie weit können Menschen gehen, um sich selbst auf ein Podest zu stellen und ihre Konkurrenten dabei auf dubiose Weise auszuschalten?

Intransparent. Ein politischer und gesellschaftlicher Interessensausgleich findet zunehmend nicht mehr in der früher geübten und gewohnten Form statt. An seine Stelle sind starke und mächtige Instrumentarien und Zusammenschlüsse entstanden, die häufig unter der Oberfläche agieren und sich durch Intransparenz und ein möglichst undurchsichtiges, verzweigtes Netz von Interessensvertretungen und gegenseitigen Unterstützungen auszeichnen. Diese sollen das Zustandekommen von Geschäften, Dienstleistungen und Vorteilen ermöglichen oder fördern. Nicht abzuschätzen ist die Höhe des Schadens für Staat und Gesellschaft durch eine solche Vorgehensweise und die damit verbundenen Praktiken. Diese Zusammenschlüsse und die in ihnen oder für sie tätigen Lobbyisten haben sich eigene Verhaltensregeln gegeben, halten sich oft nicht an staatliche Vorgaben und Gesetze und verstehen es in vielen Fällen glänzend, sich der rechtlichen Verantwortung mit Hilfe geschickter und ausgeklügelter Vorgehensweisen zu entziehen. Laut Wikipedia sind in der EU-Zentrale in Brüssel zwischen 15.000 und 20.000 Lobbyisten tätig, diese Entwicklung setzt sich weiter rasant fort. Ihr Einfluss und ihr Ausbau sind daher für den einzelnen unübersichtlich und unberechenbar.
Wer sich nicht zu einer Lobby zählen darf, beziehungsweise es aufgrund moralischer Bedenken vermeidet, sich in einer solchen zu etablieren oder mit deren Mitgliedern einen konstruktiven Dialog zu führen, steht in der heutigen Wirtschaftwelt, vor allem aber auch in den bürokratischen Strukturen des Beamtentums auf verlorenem Posten. Der Zugang zu hohen und höchsten Ämtern ist ihm, auch bei größter Leistungsbereitschaft und Qualifikation verwehrt, seine Karriere unterliegt häufig vehementen Beschränkungen. Informationen fließen nur spärlich oder überhaupt nicht und er kann von Glück sagen, wenn er nicht von Mobbing oder sonstigen beruflichen Erschwernissen betroffen ist.
Trotz aller Kritik am Lobbyismus scheint sich dieser immer weiter auszubreiten, übt zunehmend Einfluss auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen aus und hat dadurch erhebliche Auswirkungen auf die staatlichen Institutionen. Korruption und unerlaubte Einflussnahme sind seine Begleiterscheinungen, womit eine Verunsicherung der staatlichen Entscheidungsträger und daraus folgend der gesamten Bevölkerung gegeben sind. Beängstigend ist, dass Lobbyisten zu allen erdenklichen Mitteln greifen, um Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung auf ihre Interessen einzuschwören oder umzustimmen. Das Ausmaß der Beeinflussung lässt sich aufgrund der Breite dieser Aktivitäten nicht abschätzen. Zu hoffen bleibt, dass die große Masse der Beamten und politischen Entscheidungsträger weiterhin ihren Auftraggebern gegenüber loyal bleibt und unbeeinflusst ihre Aufgaben in objektiver und korrekter Form wahrnimmt. Sollte dies nicht der Fall sein, sind die wichtigen Säulen des demokratischen Rechtsstaates, die Gesetzgebung, die Justiz und die Verwaltung ernsten Bedrohungen ausgesetzt. Ein Staat, dessen Repräsentanten und Beamte sich in die Hände von rücksichtslosen, korrupten und nur ihren eigenen Interessen verpflichteten Lobbyisten begeben, ist in seiner Existenz ernstlich bedroht.
Wenn Vertreter der Justiz, wie dies neulich in den Medien publiziert wurde, auf Verfahren gegen hochrangige Politiker „vergessen“, erschüttert dies das Vertrauen in den Staat und seine Einrichtungen. Zudem hat dies auch Beispielwirkung auf den einzelnen Bürger und die einzelne Bürgerin, wenn der Staat nicht in der Lage ist, für Ordnung in den eigenen Reihen zu sorgen und sich bestimmte Repräsentanten nicht regelkonform verhalten. Viele orientieren sich am Verhalten dieser Entscheidungsträger und richten ihr Handeln im Rahmen ihrer Möglichkeiten danach aus.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und soll in diesem Sinne auch denken und handeln. Egoismus im Sinne einer extremen Ich-Bezogenheit und Selbstsucht impliziert, dass sich der Egoist mehr Freiheiten herausnimmt, als ihm von einer sozialen Gesellschaft eingeräumt werden. In einer offenen, solidarischen Gesellschaft sollte rücksichtsloses Verhalten weiter als unanständig gelten und auch entsprechend sanktioniert werden. Nicht zu verwechseln ist eine solche Haltung von einem so genannten „gesunden“ Egoismus, der auf eine an die Gesellschaft und deren Menschen angepasste Verwirklichung der eigenen Ziele und Wünsche abzielt. Dies differenziert sich vom Verhalten bestimmter Individuen, die sich ständig in den Vordergrund drängen, andere nicht am Kuchen der Gesellschaft mitnaschen lassen wollen und für sich stets das größte Stück, wenn nicht sogar den ganzen Kuchen beanspruchen. Wenn der Handelnde bewusst Nachteile für andere Menschen in seinem Verhalten einkalkuliert, werden die Grenzen von Gerechtigkeit und Moral überschritten.
In diesem Sinne darf man sich wünschen, dass ein neuer Sinn von Moral, Anstand und Fairness Einzug in die Gesellschaft hält, der jedem Mitglied der Gesellschaft die ihm zustehenden Rechte und Anteile zuspricht und gewährt. Jeder, der sich nicht an diese Regeln hält, wird möglicherweise die Stufen der Erfolgsleiter ungehindert hinaufsteigen. Ob er sich dort lange halten kann und ob ihm diese Positionen Glück und Zufriedenheit verschaffen, muss er für sich selbst entscheiden. Erfahrungsgemäß schaffen es die Gesetze und Gegebenheiten der Gesellschaft innerhalb bestimmter Zeit auf ihre Weise, ausgleichend zu wirken. Ob es für rücksichtslose Karrieristen und Lobbyisten erstrebenswert ist, wenn sie ständig mit Mitmenschen und Konkurrenten konfrontiert sind, die ihnen mit Missgunst, Neid und Abscheu wegen der praktizierten Ellenbogentechniken begegnen, ist in Frage zu stellen.
Eine gewisse Verteilungsgerechtigkeit garantiert jedenfalls eine ausgeglichene, neidlosere und zufriedenere Gesellschaft, verhindert Konflikte und Friktionen, vermeidet Reibungspunkte und Auseinandersetzungen. Auf der Basis von Fairness errungene „Siege“ und Erfolge garantieren jedenfalls großteils strahlende Sieger und „Verlierer“, die sich mit den getroffenen Entscheidungen identifizieren können.
Ernst Vitek